Reiseführer ins Elendsviertel

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Slum-Tourismus in Belgrad

Slums: ein Phänomen der Dritten Welt? Bestimmt nicht! Und doch müssen wir erst daran erinnert werden, dass wir auch mitten in Europa Elendsviertel haben. In Serbien zum Beispiel: Unter der Autobahnbrücke Gazela, mitten im Herzen von Belgrad, leben serbische Roma in einer Barackensiedlung.

Mit dem Buch in der Hand durch den Slum

Warum ich ausgerechnet den Slum von Belgrad erwähne? Aus gutem Grund: Seit Kurzem ist ein Reiseführer auf dem Markt, der Touristen durch den Slum von Belgrad führt. “Beograd Gazela - Reiseführer ins Elendsviertel”.
Recht praktisch ist das schienbar absurde Büchlein - zumindest für den Fall, dass ein Tourist tatsächlich den Slum von Belgrad als Reiseziel wählt: ein Plan mit den wichtigsten “Stationen”, ein praktischer Sprachführer, Infos zu Kultur und Bildung, Natur und Umwelt, Essen und Trinken, Wirtschaft, Transport und und und..

Was wirklich dahinter steckt

Man ahnt es schon: Natürlich steckt mehr dahinter, als nur eine Anleitung für potenzielle Touristen. Die Autoren Lorenz Aggermann, Eduard Freudmann und Can Gülcü wollen mit “Beograd Gazela” auf den Alltag der Slum-Bewohner aufmerksam machen, die Ursachen für ihre Armut untersuchen - und die Roma damit schlicht und einfach zurück ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken.

Wer sich das Buch genauer anschaut, merkt: Es ist nur auf den ersten Blick ein Reiseführer. Auf den zweiten Blick bringt es eine ganze Kultur näher. “Beograd Gazela” richtet den Blick auf einen Ort, der die jüngere Geschichte der Roma in Südosteuropa widerspiegelt - mit gut recherchierten Informationen und jeder Menge Bildern, die ihre eigene Geschichte erzählen. Für Seriosität sorgt auch der Text, der den unteren Rand des Buches durchzieht: In einer Art Selbstreflexion der Autoren geht es auch um die Frage, ob und wie ein Reiseführer ins Elendsviertel moralisch zur rechtfertigen ist.

Ein interessantes Projekt, aus dem ein spannendes Buch entstanden ist - dessen Lektüre freilich auch dann lohnt, wenn der Leser nicht vor hat, selbst einen Fuß in den Slum zu setzen.

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