“Slum-Tourismus”
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Zwischen Aufklärung, wirtschaftlichem Nutzen und Kulturkonflikt
Touristen im Slum: Man muss kein Experte sein, um den Widerspruch zu erkennen. Trotzdem erobern touristische Veranstalter die Elendsviertel von Rio, Kapstadt oder Delhi. Geführte Touren sollen den Reisegästen das Leben im Slum vor Augen führen - das Leben von mehr als einer Milliarde Menschen weltweit. Während Veranstalter auch in dieser Sparte profitieren wollen und Reisende sich auf ein besonderes Erlebnis freuen, sehen Kritiker im Slum-Tourismus nichts als Voyeurismus: Man würde sich letztlich nur am Elend Anderer ergötzen, um sich hinterher selbst ein wenig besser zu fühlen.
Eine kleine Einnahmequelle und große Aufmerksamkeit
Ganz so einfach ist es nicht. Denn schließlich macht Slum-Tourismus auf die weltweite Armut aufmerksam, bei gut geführten Touren ist der Lerneffekt jedenfalls hoch. Einige Veranstalter unterstützen soziale Projekte im Slum, ein Teil der touristischen Einnahmen fließt ins Elendsviertel zurück. Es können Schulen gebaut werden - die Chance auf Bildung ist eine Möglichkeit, sich selbst aus der Misere zu befreien. Außerdem legt man Touristen nahe, den Bewohnern ihr Kunsthandwerk abzukaufen. Eine kleine Einnahmequelle, immerhin. Einige Slumbewohner kriegen vielleicht einen Job als Touristenführer, ihre Orts- und Menschenkenntnis ist gefragt. Leider: Was sich nach wirtschaftlichem Vorteil anhört, ist meist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und doch kann Slum-Tourismus, wenn überhaupt, nur gerechtfertigt werden, wenn die Veranstalter mit örtlichen Gruppen zusammen arbeiten.
Arm versus Reich: Kulturelle und soziale Probleme des Slum-Tourismus
Was gerne übersehen wird, ist die psychologische Seite, die eng mit kulturellen Faktoren verknüpft ist: Touristen aus Europa oder den USA erwarten große Armut, und quasi als logische Konsequenz unsägliches Leid und Elend. Sind baff, wenn sie im Slum auf fröhliche Menschen treffen – und verurteilen doch deren Lebensumstände, nach dem Motto: Wenn schon arm, dann wenigstens sauber und ordentlich! Die Vorstellungen von Hygiene sind nun einmal unterschiedlich. Und vor allem: Wie gefällt es wohl den Slumbewohnern, wenn Touristen in Ihre Hütten gaffen, die Kamera hinein halten und sich nicht erst die Mühe machen, ihre Rolex zu verbergen? Minderwertig hatten sie sich auch vorher schon gefühlt – direkte Konfrontation mit Reichtum und Luxus verstärkt das Problem.
Wer in den Slum geht, befasst sich mit einem ernsten Thema, mit Armut. Die Digitalkamera hat hier nichts zu suchen, vorschnelle Urteile auch nicht. Stattdessen sollte man sich Gedanken machen. Über die Ursachen der Armut, über Auswege und Möglichkeiten zu helfen und vor allem: über das eigene Auftreten.
Die Komik zwischen den Kulturen
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Fachgebiet des Comedian Kaya Yanar? Kulturelle Unterschiede! Quelle der Inspiration? Die eigene Biografie. Als türkischstämmiger Deutscher hat Yanar erkannt: Interkulturelle Kommunikation bietet schier endlosen Stoff fürs Comedy-Programm. Während man bei ihm selbst von geglückter Integration sprechen kann (deutsche Schule, deutsches Studium etc.), macht sich Yanar von Berufs wegen über alle Facetten des türkisch-deutschen Zusammenlebens lustig. In seinem neuen Programm „Made in Germany” regt er die Deutschen zur Selbstironie an - und erweitert seine Inspirationsquellen: Auch Inder, Chinesen, Holländer oder Isländer sind dankbare Opfer.
Heidi auf Arabisch
Wortgewandt, gestenreich und mit unverwechselbarer Mimik witzelt Yanar über Kulturen, Integration und sprachliche Besonderheiten. Geschickt klärt er über paraverbale Eigenheiten der Sprachen auf (Deutsch, Chinesisch, Arabisch, Türkisch…) und führt anschaulich in die Wirkung von Prosodie und Intonation ein: Wie klingt “Heidi” auf Arabisch? Kaya Yanar weiß es! Oder Türkisch: Die Sprache sei mit ihren vielen ü’s eigentlich richtig „putzig”. Wer sich von Halbstarken mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland eingeschüchtert fühlt - nach dem Motto: Ey, du! Ja genau du, was guckst du? - dem rät Yanar: hinter der Ecke warten, bis sie wieder Türkisch sprechen. Putzige kleine Jungs seien das dann, die man gar nicht fürchten könne.
Seine Späße zünden, egal ob sie lediglich bekannte Klischees bedienen oder Vorurteile als solche enttarnen. Tatsächlich schafft es Yanar immer wieder, scherzhaft auf interkulturelle Sachverhalte aufmerksam zu machen, die vielen nicht bewusst sind. Jede Szenerie wird mehr als lebendig, wenn Yanar temperamentvoll zwischen den (kulturellen) Rollen hin- und herspringt. Man könnte meinen, er bewegt sich auf heiklem Terrain - schließlich ist Interkulturelle Kommunikation ein sensibles Thema. Doch der Comedian besitzt eben diese Sensibilität, ist intelligent genug, jeden Gag so zu verpacken, dass niemand sich provoziert oder diskriminiert fühlt. Er bezieht seine Fans ebenso aus dem deutschen wie aus dem türkischen “Lager”. Damit wird er zum Vermittler zwischen den Kulturen: Sein Publikum ist groß, breit gefächert, und vor allem: Es schenkt im Gehör!
Kaya Yanar live:
30.10.08 Kassel, Stadthalle
12.12.08 Freiburg, Paulussaal
Weitere Termine unter www.kaya-yanar.de
Für bessere Integration: Bücher gehen online
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Interkulturelles Webportal öffentlicher Bibliotheken freigeschaltet
Dass Sprache und Bildung wichtige Grundlagen erfolgreicher Integration sind, ist bekannt. Leider ist das Angebot an fremdsprachigen Büchern oft spärlich. Das neue interkulturelle Webportal öffentlicher Bibliotheken soll Abhilfe schaffen: Es macht seit Anfang Oktober Bibliotheksbestände in mehr als 20 Sprachen zugänglich. Einerseits will das Portal den Bibliothekaren selbst in einem berufsfachlichen Teil Infos und Hilfe für die tägliche Beratung bieten, andererseits erhalten auch die Nutzer über ein Sprachenportal Zugang zu fremdsprachigen Beständen und Online-Wörterbüchern - und das in über 20 Sprachen, darunter auch Arabisch, Chinesisch, Kisuaheli, Tamil oder Thai. Das interkulturelle Portal besitze derzeit noch „offenen Projektcharakter“, so die Verantwortlichen, und könne nur durch die Mitwirkung der Bibliothekare weiter ausgebaut werden. Längerfristiges Ziel sei die Einrichtung einer internationalen Bibliothek.
Die interkulturellen Bestände der Bibliotheken seien, abhängig von den Etats und der Zuwanderung in den jeweiligen Regionen, spürbar erweitert worden, berichtet Boersenblatt.net, der Branchendienst des deutschen Buchhandels. Auch das Fremdsprachensortiment am Buchmarkt erlebe derzeit einen Boom. Verlage erweitern ihre Programme insbesondere mit zweisprachigen Titeln, heißt es beim Börsenblatt.
Trotz Projektcharakter eine äußerst sinnvolle Aktion, die erheblich zur Integration von Migranten beitragen kann. Schließlich wird kaum eine kulturelle Institution in Deutschland so intensiv von Einwanderern genutzt wie die öffentlichen Bibliotheken. Der Service in 20 Sprachen bietet auch den Angehörigen kleinerer Migranten-Gruppen gute Chancen zur Integration – denn dafür ist gerade die Sprache der Schlüssel.
Nähere Infos unter www.interkulturellebibliothek.de
Quattro Stagioni – Ein Jahr in Rom
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Stefan Ulrichs scherzhafte Hommage an typisch italienische Eigenarten
Was erlebt eine deutsche Familie, wenn Sie ihr Leben aus dem bayerischen Starnberg nach Italien verlegt? SZ-Journalist Stefan Ulrich ging 2005 als Auslandskorrespondent nach Rom. In Quattro Stagioni schildert er subjektiv die kulturellen Hürden im neuen Alltag. Ulrich outet sich als Italien-Liebhaber, wenngleich er die Verhältnisse in Rom wie auch die Italiener mit der ironischen Distanz eines Deutschen betrachtet. Mit dem gekonnten Wortwitz des Journalisten spielt er fleißig mit altbekannten italienischen Klischees und Stereotypen: Das allgegenwärtige „con calma“ („immer mit der Ruhe“) bringt Ulrich mit seinem „teutonischen Tatendrang“ so manches Mal zur Raserei.
Wer Italien ein wenig kennt, wird sich immer wieder mit einem Schmunzeln beim Lesen erwischen – man denkt: „Genau, so sind sie!“ oder „So hab ich es auch erlebt!“ Ulrich räumt aber auch mit dem einen oder anderen Vorurteil auf: Den hohen Lebensstandard (viel reisen, gut essen gehen, modische Kleidung tragen) könnten sich die Italiener nur leisten, weil sie tatsächlich sehr hart arbeiten. Andererseits kämpft Ulrich in Rom auch mit Vorurteilen gegenüber den deutschen „Barbari“, die nicht mal einen „codice fiscale“ besitzen. Natürlich würde der Römer das niemals so ausdrücken – man will ja nicht „brutta figura“ machen.
Trotz Italienliebe ist der Blick nicht einseitig. Besonders interessant ist, wie Ulich die Wahrnehmung seiner Kinder schildert. Sie sehen nicht die geschichtsträchtige Weltstadt mit “Dolce-Vita-Flair”, sondern ein gänzlich anderes Rom: “Während ich all die herrlichen Barockkuppeln sehe, die römischen Ruinen, die Brunnen, die Straßenmärkte, die vielen beschwingten Menschen aus unzähligen Ländern, sieht Bernadette die überquellenden Abfallhaufen, den verkrüppelten Pakistani (…), die verhärmte Frau in schmutzigen Tüchern mit dem schreienden kleinen Kind auf dem Arm und den alten Mann im abgetragenen Sonntagsanzug, der im Park nach Zigarettenkippen sucht, um sich ein paar Tabakreste herauszubohren. Sie riecht die Abgase in den Schraßenschluchten, sie hört die schrillen Sirenen der Krankenwagen. (…) Und sie bildet es sich nicht ein, denn auch dieses Rom existiert.”
Quattro Stagioni ist kein Lehrwerk über die italienische Kultur, sondern vielmehr ein ironischer (und selbstironischer) Erfahrungsbericht über den neuen Alltag einer deutschen Familie im Herzen Italiens. Das Buch lebt von Ulrichs stilistischer Brillanz und der humorvollen, ja liebevollen Art, mit kulturellen Klischees und Stereotypen zu spielen.
